
Als Microsoft im März 2004 von der EU Kommission dazu verurteilt wurde die Dokumentationen zu diversen Schnittstellen offen zu legen und Microsoft dies auch nach Jahren noch immer nicht umsetzt konnte, hatten Experten noch gewitzelt, dass Microsoft einfach keine Dokumentationen hat oder schlicht und ergreifend nicht weiß, wie man sauber, klar und fehlerfrei dokumentiert. Nun, nachdem der 6.000 Seiten umfassende Papierberg als <No>OOXML Spezifikation veröffentlicht wurde dürfte jedem klar sein, sobald es um offene Schnittstellen geht die scheinbar jeder nutzen können soll, ist Microsoft nicht nur ungeschickt sondern im großen Maße unfähig. Nicht umsonst gab es hunderte dokumentierte Mängel die Microsoft nur teilweise beheben konnte und viele davon auch nur mit dem Workaround, dass diese defekte Teile nicht zwingend umgesetzt werden müssen. Geht es nach Microsoft, steht jedoch die enorme Interoperabilität im Vordergrund. Und es ist ja klar, das zwei konkurrierende Formate viel besser für den Markt und die Kunden sind. Nur bei Produkten, wo Microsoft ein Quasi-Monopol inne hat sieht man dies natürlich anders und bewirbt die unendlichen Vorteile eines starken Anbieters. Scheinheilige Heuchler durch und durch... scheinbar das Anforderungsprofil um bei Microsoft arbeiten zu können.

Trotz all der dokumentieren Mängel, der Proteste, der Einsprüche und der Verstöße gegen die ISO Statuten hat Microsoft es natürlich geschafft, <No>OOXML nach einer kurzen Niederlage dann doch als vorläufigen ISO Standard 29500 durchzudrücken. Geholfen haben dabei viele kleine Länder die zur <No>OOXML Abstimmung beigetreten und kurz danach auch wieder ausgetreten sind. Da an gut gefüllte schwarze Koffer zu denken ist nicht sonderlich weit hergeholt. Schlimmer aber wiegt das Versagen von Institutionen wie der Deutschen DIN die sich mit ihrer Abstimmung und den fadenscheinigen Ausreden einen nicht nur peinlichen sondern beschämenden Totalausfall geleistet hat. Nicht nur, dass man sich inzwischen eingesteht, dass <No>OOXML gar nicht hätte zugelassen werden dürfen, nein man hat es auch tatsächlich geschafft, bei der Abstimmung zu <No>OOXML den Mitgliedern einfach die NEIN Stimmen zu verweigern und Enthaltungen als JA zu werten. Auch hier ist der Vorwurf der Korruption gar nicht so abwegig. Aber in einem Land wo Manager bespitzelt werden, mehrere Milliarden Schmiergeld einfach so verschwinden, Waffenhändler vergessliche Politiker bezahlen die davon nichts mehr wissen wollen und wo ein erklärter Verfassungsfeind einen Ministerposten besetzt wundert einen doch nichts mehr... oder?

Doch nun da es eigentlich schon zu spät ist, mehren sich immer öfter auch öffentlich kritische Stimmen. So hat die Britische IT-Schulbehörde nun die Zweifel angebracht, ob das neue Dateiformat Office Open XML von Microsoft Office mit den Produkten anderer Wettbewerber in ausreichendem Maße kompatibel ist. Da noch nicht einmal Microsoft sich in der Lage sieht, <No>OOXML nach ISO29500 vor der nächste Microsoft Office Version zu implementieren ist die Frage durchaus berechtigt, ob <No>OOXML nach ISO29500 überhaupt vollständig und fehlerfrei umgesetzt werden kann. Die aktuelle Implementierung von <No>OOXML in Office 2007 ist nach Tests der Verantwortlichen der ISO inkompatibel mit dem ISO Standard 29500. Was aber noch paradoxer ist, ist die Ankündigung von Microsoft, dass man das konkurrierende Dateiformat ODF schon mit dem nächsten Service-Pack für das aktuelle Office-Paket integrieren will und damit lange vor dem eigenen Format.

Doch neben der allgemeinen Kritik von verschiedenen Seiten gibt es nun auch offiziellen Einspruch gegen das Standardisierungsverfahren durch insgesamt vier Nationen. Sowohl Südafrika als auch Brasilien, Indien und Venezuela haben innerhalb der Frist Einspruch eingelegt und die offizielle Verkündung von
<No>OOXML als ISO Standard 29500 zumindest für kurze Zeit verhindert. Dabei lesen sich die Schreiben der Länder nahezu identisch. Alle verweisen auf die zahlreichen Verletzungen der ISO Statuten und auf die extremen Auffälligkeiten der Abstimmung bei der scheinbar Mitglieder manipuliert oder gar gekauft wurden. All diese Merkwürdigkeiten sind auf der Seite
NOOOXML.org ausführlich und chronologisch dokumentiert. Nun muss man abwarten, wie die Verantwortlichen bei der ISO darauf reagieren werden. Da es aber die selben Personen sind, die schon alle anderen Verstöße von Microsoft billigend hingenommen haben stehen die Chancen eher schlecht, das Microsoft den selben Pflichten unterliegt wie alle anderen Mitbewerber die eine Spezifikation einreichen.
Deutsche News:
14.05.2008 - Britische Behörde erhebt Anschuldigungen gegen Microsoft
www.heise.de • www.golem.de
22.05.2008 - Microsoft wird OOXML vielleicht erst in Jahren unterstützen
www.heise.de • www.golem.de
30.05.2008 - Brasilien und Indien fechten die OOXML-Standardisierung an
www.heise.de • www.golem.de • www.pro-linux.de
03.06.2008 - Nun auch Proteste aus Dänemark und Venezuela
www.heise.de • www.golem.de • www.pro-linux.de (1) • www.pro-linux.de (2)
Mit freundlichen Grüßen
Michael Köchling :: YASB